Dirigent Peter Röckl im Interview mit BESTE JAHRE

Autor: Birgit Flory Peter Röckl, 70, ist seit 1980 Chorleiter des Landshuter Konzertchors, der knapp 90 Mitglieder hat. Von 1976 bis vor kurzem leitete er auch die Chorgemeinschaft Vilsbiburg. Mit den Chören gab er Gastspiele in Frankreich, Italien, Österreich und Ungarn. Bereits als 18-Jähriger gründete er ein Kammerorchester, das später zum Landshuter Sinfonieorchester umbenannt wurde. Mehr als 18 Jahre lang hat er außerdem die Hans-Carossa-Big-Band geleitet. Röckl war bis 2012 Studiendirektor für Musik am Hans-Carossa-Gymnasium und hat für seine Tätigkeit als Chorleiter und Dirigent zahlreiche Ehrungen und Auszeichnungen erhalten.


Foto: Röckl

Herr Röckl, haben Sie heute schon Musik gehört?

Ja! Zum Aufstehen. Da brauche ich immer Antenne Bayern oder sowas (lacht). Meine Vorliebe ist natürlich Klassik, aber man kann nicht immer Prinzregententorte essen, sondern muss auch mal was Einfacheres konsumieren! Klassik erschließt sich eigentlich nur, wenn man sie bewusst hört, und da hat man nicht jeden Tag Zeit und Lust dazu.


Interessieren Sie sich für aktuelle Radiomusik?

Ja, durchaus. Ich höre und schaue mir relativ viel an. Wobei ich auch feststelle, dass viele Leute, die mit Musik im Fernsehen oder in Casting-Shows auftreten, oft ein so geringes Können und so wenig Talent für Musik haben, dass es mit musikalischem Können nichts zu tun hat.


Welche Musik hören Sie selbst am liebsten?

Immer die, die ich plane, aufzuführen. Dann stelle ich mir vor, wie sie bei mir mal klingen wird. Ich höre mir gerne verschiedene Interpretationen an, achte auf interessante Stellen und überlege mir dabei schon immer meine eigene Interpretation. Die Zuhörer sollen sagen: Das hat immer nach Röckl geklungen.


Wie klingt es denn nach Röckl?

Meine Interpretationen haben immer so eine Art Schwung, was italienisch schwungvolles, und zugleich etwas Inniges, Gefühlvolles. Also gefühlvolle, lebendige Musik!


Kann Musik Sie aufwühlen oder nerven?

Natürlich kann’s nerven! Rap-Musik zum Beispiel, die regt mich am ehesten auf. Obwohl mein Sohn in New York Reporter für Rap und Soul ist. Das ist für mich Musik von Leuten, die nicht singen können.


Und welche Musik beeinflusst Ihr Befinden positiv?

Mozart. Das ist ein Komponist, der mich immer sehr aufbaut und der mir einfach Spaß macht. Das Lebendige und der Einfallsreichtum! Ich höre ja auf verschiedene Weise: Ich lasse mich von Musik berauschen, aber zugleich achte ich auf die Kunstfertigkeit. Wie macht der Komponist das an dieser Stelle, damit es so großartig klingt? Wie lange baut er das Ganze ab, wird immer weniger, spärlicher, um dann mit Vollgas wieder hochzufahren? Es sind solche kompositorischen Tricks, die mich beeindrucken. Ich denke daran, wie es wäre, wenn ich so was dirigieren würde. Dann würde ich diese kompositorische Finesse herausarbeiten.


Das heißt Sie hören mit Verstand, aber auch mit Gefühl?

Genau. Mit dem Herzen und dem analytischen Verstand. Nur wenn beides vorhanden ist, finde ich die Musik supertoll! Wenn nur eins vorhanden ist, wie bei trockener Barock-Musik von zweitklassigen Komponisten, dann fehlt die Emotion und einfach das Können. Umgekehrt, wenn eine Musik nur weich ist, nur emotional, wie eine Ballade in der Rockmusik, dann kann man es sich vielleicht zwei oder dreimal anhören, dann hat sie ausgedient.


Suchen Sie in der Musik die intellektuelle Herausforderung?

Ja, ja! Ich versuche, wenn ich etwas interpretiere, im Notentext zu erkennen, was der Komponist an dieser Stelle wollte. Wollte er einen großen Höhepunkt herbeiführen? Oder bereitet er einen neuen Einsatz vor? Was muss ich machen, dass der Einsatz herauswächst wie eine Blume?


Wie lange dauert die Vorbereitung für ein neues Stück?

Das kann ein Jahr vorher sein, dass ich ein Stück ins Auge fasse. Dann spiele ich das auf dem Klavier, höre mir Interpretationen an – und allmählich entsteht meine eigene Vorstellung davon, wie es werden soll.

 

Der Konzertchor Landshut hat aktuell fast 90 Sänger. Wie holt man aus einer so großen Gruppe Emotionen raus?

Die erste Voraussetzung ist, dass mir das Stück selbst gefallen muss. Mein Gefühl überträgt sich dann auf die Sänger. Aber der erste Schritt beim Einüben bleibt rein technisch: Man lernt die Töne. Meine Korrepetitorin Sylvani Utami spielt dazu den Klavierauszug. Wir tasten uns an das Stück heran. Dafür nehmen wir uns Zeit! Zum Teil singen wir ja Werke, die bis zu zwei Stunden lang sind. Das dauert schon ein Vierteljahr, bis das sitzt. Und wenn der Chor seine Noten kann, dann kann man auch immer emotionaler singen. All das geschieht durch Übung, Übung, Übung!

 

 

Welche Eigenschaften muss ein guter Dirigent haben?

Der Dirigent braucht eine klare Vorstellungskraft dessen, wie es sich anhören soll. Und er muss das auch klar weitergeben können. In der Aufführung ist das Wichtigste, dass der Dirigent so eine Faszination ausübt, dass alle mit ihm an einem Strang ziehen! Mit einer großen inneren Bereitschaft. Er muss eine mitreißende Ausstrahlung haben! Natürlich muss vorher alles klar eingeübt werden. Aber das allein reicht nicht. Ein guter Dirigent darf bei der Aufführung nicht lasch auf die Bühne gehen! Bloß die Taktfiguren vorgeben genügt da nicht, da muss Aufforderungscharakter dabei sein. Die Führung eines Chors, die macht man mit den Augen, dem Einatmen, der Bewegung.


Wie ist Ihre Liebe zur Musik entstanden?

Meine Eltern waren sehr musikalisch. Meine Mutter war Lehrerin, mein Vater Arzt. Sie haben sich schon durch die Musik kennen gelernt. Mein Vater hat gesungen und meine Mutter hat ihn am Klavier begleitet. Daraus wurde dann die Ehe! Meine fünf Geschwister und ich haben alle mindestens zwei Instrumente gelernt.


Haben Sie auch gemeinsam Musik gemacht?

Ja! Wir haben immer gemeinsam Hausmusik gemacht oder haben in der Kirche gespielt. Alle Kinder mussten Klavier lernen. Ich habe noch Geige und Bratsche dazu gelernt und viel ausprobiert: Posaune, Klarinette, Blockflöte. Das nutzt mir heute ungemein. Mein Hauptfach blieb aber Klavier – ich habe schon am Gymnasium Klavierstunden bei meinem zukünftigen Schwiegervater genommen. Seine Tochter habe ich dann geheiratet!


Wie viele Auftritte haben Sie im Lauf der Jahre etwa absolviert?

Oh – das kann ich gar nicht sagen (lacht). Bei dieser Frage war er überfragt … schreiben Sie das!


Welches war Ihr schönstes Erlebnis als Chorleiter?

Als wir in Ungarn, in Esztergom waren. Die Basilika dort ist die größte katholische Kathedrale Ungarns mit der vierthöchsten Kuppel der Welt, etwa 80 Meter hoch. Ich hatte es mir so schwierig vorgestellt, dort aufzutreten, wenn der Schall so hoch fliegt, ich hatte befürchtet, dass der Nachhall so groß wird. Aber dann lief alles prima. Der Klang ist wie eine große Wolke über alle hinweg geflossen. Das war einfach wunderschön


Sie haben auch die Carmina Burana aufgeführt …

Da läuft es mir heute noch kalt den Buckel runter! Es war so intensiv, als ich beim Dirigieren hinter mir die trippelnden Schritte der Balletttänzer hörte. Ich sah sie ja nicht, aber ich hörte sie! Das sind so Synästhesien: die Klänge, das Optische, das sanfte Licht der Scheinwerfer… Dafür mache ich das mein ganzes Leben!

 

Musik macht Sie glücklich?

Sehr! Ich kann es nur jedem empfehlen, der Lust und Freude dabei hat. Man sollte jedem Kind die Chance geben, es zu versuchen.

 

Hatten sie – musikalisch gesehen – auch mal wilde Zeiten?

Ja natürlich. Ich habe in meiner Jugendzeit sehr zum Leidwesen meines Vaters amerikanische Swing-Musik gespielt und in Dixieland-Big-Bands mitgespielt. Aber ich habe gemerkt, dass das nicht das ist, was mir am Herzen liegt. Trotzdem habe ich mir vorgenommen, einmal im Leben eine Big-Band zu haben. Im Hans-Carossa-Gymnasium habe ich dann 18 Jahre lang die Big-Band geleitet – und wir haben wirklich gut gespielt. Man muss Emotionen reinlegen! Wenn man ohne Emotion spielt, dann soll man es lieber nicht machen! Dann soll man sich lieber eine Schallplatte kaufen.

 

Was ist das Wichtigste bei der Musik?

Das Ausleben der Emotionen, die man in den Stücken finden kann. Man muss sich von den Emotionen tragen lassen! Und sie darstellen bis zur Ekstase von sich selbst und vom Publikum. Wenn die Zuhörer sagen „Ahhh!“ – das ist ein emotionaler Genuss für mich! Oder wenn das Publikum sagt, das war, wie wenn von allen Seiten die Musik auf mich eingedrungen wäre.


Und nun – am Ende des Gesprächs: Welche Musik empfehlen Sie uns für einen trüben Novembertag?

Da gibt es Tausende von Sachen (überlegt). Hm, ich empfehle mal von Mendelssohn-Bartholdy die Italienische Symphonie (singt kurz vor), das ist ein freudiges Stück, macht gute Laune und irgendwie schönes Wetter. Oder man hört bisschen Jazz: den Pianisten Oscar Peterson oder Ella Fitzgerald. Aber ich könnte mir auch ein Violinkonzert von Max Bruch vorstellen, mit dem herrlich langsamen Satz, wo man ein bisschen träumen kann.


Wie lange wollen Sie noch dirigieren?

Bis sie mich rausschmeißen (lacht)! Ja! Soweit die Arme mich tragen…



Stadtmagazin Landshut Regensburg