Jung und Alt im Hochzeitsfieber

Seit 30. Juni herrscht in Landshut Ausnahmezustand. „Halloooo"-Rufe tönen durch die Gassen, Buchskranzerl werden geworfen, mittelalterliche Melodien erklingen in den Straßen und Cafés. Kostümierte Landshuter flanieren durch die Altstadt, auf den Tribünen wird gefeiert und am Lagerplatz findet mittelalterliches Treiben statt. Landshut ist im Hochzeitsfieber – und eine ganze Familie mittendrin.


Foto: Archiv "Die Förderer" e.V.

Eine echte LaHo-Familie

Wenn der große Hochzeitszug am Sonntagnachmittag in der Neustadt wendet und die Zugteilnehmer sich entgegenlaufen, gibt es immer ein besonders lautes „Halloooo“. Denn hier begegnet Dr. Veronika Spitzlberger ihrer Mutter Uschi Heizer und ihrem sechsjährigen Sohn Korbinian in der Kindergruppe – und wenn sie Glück hat auch ihrem Mann Dr. Georg Spitzlberger, der als Ahlspießträger im Zug mitgeht. Mutter Veronika, Vater Georg, die Söhne Korbinian und Ferdinand und Oma Uschi Heizer: Sie alle spielen Rollen bei der Landshuter Hochzeit. „Bei uns herrscht vier Wochen Ausnahmezustand“, sagt Dr. Veronika Spitzlberger. Die zweifache Mutter stellt eine Marketenderin bei den Bewachern des Brautgutwagens dar. Seit sie drei Jahre alt ist, macht sie bei der Landshuter Hochzeit mit. Aussetzen kam für sie nie in Frage. „Anders geht es gar nicht, sonst blutet einem das Herz", sagt sie. Selbst als sie hochschwanger war, vor vier Jahren, ist sie im Kostüm auf der Wiese dabei gewesen. Dieses Jahr aber ist es für sie etwas ganz Besonderes. „Mein Highlight ist, dass wir mit unseren Kindern mitmachen – als ganze Familie", sagt Dr. Veronika Spitzlberger. Ihr Mann lacht und fügt hinzu: „Ohne die Landshuter Hochzeit würde es uns als Familie gar nicht geben. Wir haben uns auf der LaHo 2009 kennengelernt und machen jetzt zum ersten Mal alle gemeinsam mit."

 

 

Oma, Vater, Mutter, Söhne: Alle machen mit

Alle gemeinsam – das bedeutet, dass auch die kleinen Söhne dabei sind. Für sie ist es ein großes Abenteuer. Der dreijährige Ferdinand bekommt ein Wiesenkostüm, sein sechsjähriger Bruder Korbinian darf beim Hochzeitszug mitlaufen. Er ist in der Kindergruppe dabei, die seine Oma Uschi Heizer leitet. Seit neun Monaten lässt er sich die blonden Haare wachsen, mittlerweile reichen sie bis zur Schulter. „Ich will nachher gar nicht mehr zum Frisör", sagt Korbinian schüchtern. Er findet seine neue Frisur super. Aber noch toller findet er die Rüstung von seinem Papa, der natürlich auch lange Haare hat.

 

 

Kleine und große Ritter bei der Fechtschule

Vater Dr. Georg Spitzlberger ist Hobby-Plattner und hat vor acht Jahren mit seiner Gruppe die Fechtschule auf der Burg initiiert. Seit 2009 trainiert er dafür. „In der heißen Phase treffen wir uns zweimal die Woche", erzählt der 45-Jährige. Entstanden aus der Gruppe der Ahlspießträger, ist die Fechtschule seit 2013 fester Bestandteil der Festwochen. „Wir wollten auch ein Schwert tragen und damit kämpfen." Basierend auf den Fechtbüchern von Paulus Kal, der 1475 Fechtmeister des Herzogs war, hat Dr. Georg Spitzlberger mit seiner Gruppe eine feste Choreographie einstudiert. „Wir sind die Söhne des Fürsten, die eine Demonstrations-Fechtstunde abhalten. Wir kämpfen mit Stahlwaffen, mit echten Mordäxten und Dolchen – zum Glück bisher ohne schwere Verletzungen." Kondition, Haltung, Beinarbeit, die richtige Koordination: „Das Kämpfen ist eine sehr filigrane Sache." Sohn Korbinian macht große Augen. Auch er hat schon einmal ein Schwert halten dürfen. Angst, dass dem Papa was passiert, hat er nicht. „Er hat ja eine Rüstung an", weiß er. Wenn er groß ist, möchte er, wie Papa, Ritter werden. Schon jetzt darf er eine kleine Rolle mit Rüstung übernehmen. „Bevor die Kämpfe der Fechtschule losgehen, läuft Korbinian als Jungfürst mit Brustpanzer über den Platz", erklärt Spitzlberger. „Die Rüstung hat der Papa gemacht", sagt Korbinian stolz. Sie gefällt ihm besser als sein Kindergruppenkostüm. „Da habe ich eine rote oder grüne Strumpfhose an und einen spitzen Hut. Aber die Rüstung ist toller!"

Die gesamte Familie Spitzlberger wird auf der Burg bei der Fechtschule aktiv sein. „Wir spielen dann nicht Mittelalter, wir SIND Mittelalter, ich BIN dann ein Ritter", betont Dr. Georg Spitzlberger. Eigentlich ist er Augenarzt. Aber während der LaHo führt er ein Doppelleben – seit 1989 alle vier Jahre.

 

 

Uschi Heizer ist seit 48 Jahren dabei

Noch viel länger dabei ist Uschi Heizer. 48 Jahre schon ist die Oma von Korbinian und Ferdinand fester Teil des historischen Fests. Die zierliche 62-Jährige ist eine „Hochzeiterin" mit Leib und Seele. Bereits als junges Mädchen mit 13 Jahren spielte sie eine Rolle im Kostüm. Das war 1969. „Damals war es mein Wunsch, einmal ein langes, schönes Kleid zu tragen." Seither ist sie der Landshuter Hochzeit treu geblieben und immer wieder ins Kostüm geschlüpft. „Ich war Begleit-Edeldame der Herzogin Amalie und 1975 die junge Frau von Sachsen.“ Nur einmal musste sie aussetzen und Babypause machen. „Aber das Hochzeitsvirus lässt einen nicht mehr los“, betont sie. Sogar die vier Jahre zwischen den Aufführungen engagiert sie sich ehrenamtlich. Jeden Mittwoch arbeitet sie im Zeughaus im Fundus, hat dort Strümpfe stopfen gelernt und Freunde gefunden. „Dieses Gefühl des Miteinanders, das ist generationsübergreifend. Wenn man einmal Landshuter Hochzeitsluft geschnuppert hat, dann hängt man mit Leib und Seele daran.“ Sie freut sich darauf, wenn es losgeht. „Wenn die Businen blasen, die Martinsglocken läuten, die Böllerschüsse knallen und der Zug losgeht: Dann kommt vielleicht sogar eine kleine Träne."

 

 

Fast 400 Kinder in der Kindergruppe

Seit 1981 ist Uschi Heizer in der Kindergruppe aktiv, zu der sie damals ihre dreijährige Tochter Veronika mitnahm. „Wir sind eine richtige Landshuter Hochzeitsfamilie." Man merkt ihr die Vorfreude nach all den Jahren immer noch an. „Nach vier Jahren wieder ins Kostüm zu schlüpfen ist Bauchkribbeln pur", sagt Heizer mit kindlicher Begeisterung. Seit 2009 ist sie Leiterin der Kindergruppe. Diese Gruppe ist ihr ans Herz gewachsen: „Ich freue mich jedes Mal wieder auf meine Kinder. Es ist ein Traum, wie hübsch sie aussehen, wie sie zu schreiten beginnen.“ 378 Kinder im Alter von fünf bis zwölf Jahren sind zu betreuen – eine verantwortungsvolle Aufgabe. In ihrer Gruppe läuft zum ersten Mal der kleine Korbinian mit – und auch noch zwei weitere Enkel, die Kinder ihres Sohnes. „Das ist schon etwas Besonderes, mit all meinen Enkeln", sagt sie. Doch die Sorge für alle Kinder ist immer da. „Die größte Herausforderung ist, dass ich kein Kind verliere.“ Zum Glück sei das in all den Jahren noch nie passiert. Traubenzucker, Pflaster, Mückenspray, ein Erste-Hilfe-Set, eine Wasserflasche, die mit Leinen umhüllt ist: Das alles hat Uschi Heizer immer dabei. Manchmal kann ein Kind nicht mehr laufen und wird müde. Dann wird es in den Leiterwagen gesetzt, den ältere Kinder – die „Wagelbuam" – ziehen. Manchmal bleiben Kinder stehen und die Abstände im Hochzeitszug werden zu groß. „Wir müssen die Kinder homogen vorantreiben. Das ist manchmal schwierig, weil viel Geld geworfen wird und die Kinder sich bücken, Münzen einsammeln und dadurch Lücken entstehen.“ Ein Junge hatte einmal einen Magneten in der Hand, um das Geld aufzusammeln. Den hat sie dann einkassiert. „Unlauterer Wettbewerb!“ ruft sie und lacht.

Auf einen Moment freut sich Heizer besonders: „Wenn die Kinder im Kindereck am Turnierplatz ihr Geld zählen, wenn sie zufrieden dasitzen, gegessen und getrunken haben – dann bin ich froh, dass nichts passiert ist. Das ist das Allerschönste.“

 

 

Ein Fest für alle Generationen: Auftritte in den Altenheimen

Das Allerschönste für so manche Senioren aber ist, wenn die Kindergruppe an einem Samstagnachmittag in die Altenheime kommt und dort vorsingt. Jede Gruppe mit je 100 Kindern tritt in zwei bis drei verschiedenen Heimen auf. „Die alten Leute freuen sich, wenn die Kinder kommen“, sagt der kleine Korbinian. Seiner Oma Uschi Heizer sind diese Auftritte ein großes Anliegen. Bei vielen Senioren wecke das Erinnerungen an früher. So haben auch sie Anteil an der LaHo.

Egal ob jung oder alt, die Landshuter Hochzeit ist ein Fest, das verbindet, ein Fest für alle Generationen. Wie bei Familie Heizer/Spitzlberger, die mit drei Generationen dabei ist. Wenn mehr als 2.000 Mitwirkende vom Kleinkind bis zum Rentner die mittelalterliche Zeit zum Leben erwecken, dann zählt das Miteinander. „Wir sind alle im Hochzeitsfieber", sagt Uschi Heizer. Ihre ganze Familie ist im Hochzeitsfieber. Und ja, ganz Landshut ist im Hochzeitsfieber.

 

 

Checkliste

Beste Jahre Tipps für den Hochzeitszug:

Das sollten Sie dabei haben:

  • - Genug Wasser, es kann heiß werden

  • - Strohhut oder Käppi aufsetzen

  • - Sonnenschutz schon zuhause auftragen

  • - Kleingeld zum Werfen – die Kinder freuen sich über jeden Euro

  • - Regenponcho: gibt es ab 2 Euro in den Drogeriemärkten

  • - Buchskranzerl als Zeichen der Freundschaft

  • - Gute Stimme zum „Halloooo“-Rufen

  • - Gute Laune und viel Begeisterung


Das ist verboten:

  • - zu Veranstaltungen mit Eintrittskarte große Rucksäcke und Taschen mitnehmen

  • - die Sitzgelegenheiten entlang der Zugstrecke zusammenketten

  • - mit Hilfe von Drohnen filmen

  • - im falschen Kostüm erscheinen

  • - nach 1 Uhr nachts auf den Tribünen feiern

    Text: Birgit Flory


Stadtmagazin Landshut Regensburg