Leben statt leiden: Ein Gespräch über Leben und Sterben mit dem Förderverein für Palliativmedizin e.V.

Wir alle wünschen uns ein Lebensende in Würde. Aber die Ängste vor dem Sterben als schwerkranker Patient im Krankenhaus sind groß. Dabei kann Palliativmedizin vieles lindern und die Lebensqualität von Schwerkranken erhalten oder verbessern. Die Palliativstation im LAKUMED Krankenhaus Landshut-Achdorf wurde vor 13 Jahren als erste Palliativstation in Niederbayern gegründet. Gleichzeitig hat sich der Förderverein für Palliativmedizin Landshut e.V. gebildet, der die Arbeit der Station durch Finanzierung von Maßnahmen unterstützt, die nicht von den Krankenversicherungen übernommen werden. Im Vordergrund steht dabei die bestmögliche Versorgung im letzten Lebensabschnitt unheilbar Erkrankter, die seelische und körperliche Stabilisierung und anschließende Entlassung nach Hause.


Foto: Birgit Flory

Herr Dr. Anetseder, Frau Dr. Mayr, was ist im Umgang mit Schwerkranken am wichtigsten?

Prof. Dr. Anetseder: Zuwendung. Das ist der größte Wunsch von jemandem, der todgeweiht ist. Auf der Palliativstation lassen wir uns auf die Patienten ein, auf seine Not, seine Ängste, die Gefühle, die er hat. Niemand soll in seiner letzten Lebensphase unter unnötigen Schmerzen, angstvoller Atemnot oder quälender Übelkeit leiden. Dann ist medizinisch-pharmakologische Hilfe sehr wichtig. Wir fragen uns permanent: Was braucht der Patient? Womit kann ich ihm etwas Gutes tun? Das kann verschiedene Ebenen haben. Es gibt nicht nur körperliche, sondern auch seelische Schmerzen, Stress, Probleme in der Familie. Manche können sich nicht verabschieden, weil sie nicht loslassen können, weil noch Konflikte da sind. Das oberste Ziel auf der Palliativstation ist, den Patienten Erleichterung zu verschaffen und ein möglichst schmerzfreies Leben bis zuletzt zu führen. Wir möchten die Qualität der Tage, die bleiben, verbessern.

Dr. Mayr: Die Palliativstation ist keine Station zum Sterben, sondern zum Leben. Wir können die meisten Patienten stabilisieren und wieder nach Hause entlassen. Wir kümmern uns um alle Bereiche, die durch die Erkrankung beeinträchtigt sind: körperliches und seelisches Leid, aber auch um die Beeinträchtigung der Angehörigen.

 

 

Wie sagt man einem Menschen, dass er nicht mehr lange leben wird?

Anetseder: Das ist eine sehr individuelle Angelegenheit. Der Patient sollte immer ein gleichwertiger Gesprächspartner sein. Man muss sich darauf einlassen, was er hören will, und wie wichtig es für ihn ist, die Wahrheit zu hören. Man muss ihn aber auch darauf vorbereiten, dass alles ganz anders kommen kann.

Mayr: Die wenigsten wollen eine genaue Zeitangabe. Ich musste noch nie einem Patienten etwas sagen, was er nicht schon irgendwie wusste. Die Leute spüren oft selbst am besten, wie es um ihre Lebenskraft bestellt ist. Wenn man ehrlich ist, weiß man es eh nie genau. Wichtiger ist doch: Was können wir lindern, wie kann es weitergehen, wie kann ich helfen?


Was hat Sie bewogen, den Förderverein Palliativmedizin zu gründen?

Anetseder: Vor 13 Jahren, als die Palliativstation im Krankenhaus Achdorf entstanden ist, wussten die wenigsten, was „palliativ“ bedeutet, nämlich „umhüllen, ummanteln“. Unser Verein wollte die Öffentlichkeit darüber informieren, dass die Palliativstation keine Sterbestation ist, sondern dazu dient, den unheilbar Kranken ein würdiges und schmerzfreies Leben zu ermöglichen. Ein Hospiz ist das, wo man zum Sterben hingeht. Auf der Palliativstation möchten wir die schwerkranken Patienten lieber früher sehen, um sie optimal einstellen zu können. Man kann die Patienten nicht heilen, aber man kann sie auffangen.


Wie kann man die Lebensqualität von Sterbenskranken verbessern?

Anetseder: Auf der Palliativstation gibt es mehr Pflegekräfte und Ärzte als auf der normalen Station und alle haben eine spezielle Ausbildung für Palliativmedizin. Auch die äußeren Umstände spielen eine Rolle: Die Zimmer sind wohnlich eingerichtet, es gibt ein großes Wohnzimmer für alle mit Klavier und Aquarium. Konkret zum Lindern von Beschwerden haben wir medizinisch-pharmakologische Therapien. Darüber hinaus gibt es alternative Therapieformen wie Musik-, Atem-, Aroma- oder Maltherapien. Diese Angebote werden von den Krankenkassen nicht bezahlt. Sie werden ausschließlich vom Förderverein Palliativmedizin finanziert.


Wie wichtig sind solche Therapieformen?

Mayr: Sie haben eine große Bedeutung für die Patienten und können ihnen Erleichterung verschaffen. Manche Sorgen und Ängste kann man nicht in Worte fassen. Über andere Ebenen wie Kunst oder Musik können die Patienten sich dann ausdrücken – und fühlen sich deutlich besser.

Anetseder: Es geht vor allem darum, den Patienten auf andere Gedanken zu bringen. Wenn jemand schwer krank ist, dann beginnt er immer mehr um sich und seine Krankheit zu kreisen. Ein positives Erlebnis, das völlig anders gelagert ist, wie Malen oder Musizieren, führt den Patienten woanders hin, er kann etwas anderes emotional erleben. Aromatherapie etwa ist wichtig für die Wahrnehmung: Wenn es auf der Station nicht nach Krankheit riecht, sondern angenehm, dann macht das viel aus.


Welche Aufgabe kommt dem Verein noch zu?

Anetseder: Die finanziell wichtigste Aufgabe des Vereins ist die Brückenpflege. Sie ist Ratgeber und Organisator für die Patienten und hilft beim Übergang von stationärem zu ambulantem Aufenthalt. Die meisten der Schwerkranken möchten ja heim. Wir sichern kontinuierliche Betreuung zu – auch über den Aufenthalt auf der Station hinaus. Die Brückenpflege kennt alle Versorgungsmöglichkeiten, begleitet den Erkrankten, fährt mal zu ihm nach Hause, schaut, welche Hilfen er braucht. Diese Brückenpflege wird ausschließlich vom Förderverein finanziert. Außerdem erfüllt der Verein kleinere Wünsche für bedürftige Patienten.


Welche Wünsche sind das?

Anetseder: Gewisse kleine Wünsche sind häufiger, wie Nagel- oder Fußpflege. Vom Förderverein gibt es jeden Monat 250 Euro für die Station, über die frei entschieden werden kann. Das soll völlig unbürokratisch und schnell funktionieren: ein Frisörbesuch, ein Eis vom Lieblingsitaliener und so weiter. Aber der größte Wunsch ist die Zuwendung. Wichtig ist auch oft nur, den Kranken die Hand zu halten.


Sterben Menschen friedlicher, wenn Angehörige dabei sind?

Mayr: Menschen sterben so, wie sie gelebt haben. Das ist ganz unterschiedlich. Ein Phänomen kann man aber beobachten: Wenn die Beziehung zur Familie sehr innig ist, können die Patienten oft nicht loslassen. Dann passiert es häufig, dass die Angehörigen tagelang bei dem Schwerkranken bleiben, und kaum gehen sie eine Tasse Kaffee holen, stirbt der Patient.


Haben Sie einen Ratschlag, wie Angehörige mit schwerkranken Menschen umgehen soll?

Anetseder: Man sollte sich frühzeitig mit den Möglichkeiten der Versorgung auseinandersetzen und die Ängste vor der Palliativstation überwinden. Am meisten können wir leisten, wenn es den Patienten noch einigermaßen gut geht, weil man ihnen das Gute noch zukommen lassen kann.


An wen kann man sich dann wenden?

Mayr: Die meisten Einweisungen kommen über die Hausärzte, die einen gut beraten können. Ansonsten kann man bei uns anrufen. Auch die Brückenpflege hilft bei allen organisatorischen Fragen und kann um Rat gefragt werden.


Hat sich Ihr Verhältnis zum Tod durch Ihre Arbeit verändert?

Mayr: Es ist wichtig, sich persönlich mit wichtigen Fragen des Lebens auseinandergesetzt zu haben: Was ist Lebensqualität, wie sehe ich selbst die Endlichkeit des Lebens, was ist für mich Sinn des Lebens? Ich glaube aber, meine Sichtweise hat mich erst hierhin gebracht. Ich arbeite gerne hier, weil man mit den wesentlichen Dingen im Leben konfrontiert ist. Das empfinde ich als Bereicherung.

 

Text: Birgit Flory


Stadtmagazin Landshut Regensburg